Hart aber fair in Landshut

18 junge Tunesier nahmen an politischem Workshop teil

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Ja oder Nein ? Während die tunesischen Gäste bei der Abstimmung in der Debatte über Videoüberwachung noch geteilter Meinung waren, waren sie sich bei einer Frage einig: Der Besuch in Landshut hat sich gelohnt. Fotos: is

LANDSHUT-STADT – Die Demokratie in Tunesien ist jung. Genauso kindlich wie das Gefühl der freien politischen Meinungsbildung. Tausende von NGO’s (Nichtregierungsorganisationen) haben sich nach dem Arabischen Frühling gegründet. Deren Mitglieder wollen den Demokratieprozess vorantreiben. Doch leicht ist das in dem nordafrikanischen Land nicht. Viele Tunesier – mit einem Altersdurchschnitt von etwa 30 Jahren ein junges Volk – fühlen sich von der überalterten Regierung nicht angemessen repräsentiert. Politische Prozesse gehen zu langsam voran, sich durchzusetzen, fällt ihnen schwer. Unterstützung erhält die junge Demokratie deshalb von außerhalb. Claus Sixt betreut mit der Gesellschaft für Europabildung und der Bayerischen Staatsregierung unter der Schirmherrschaft von Staatsministerin Dr. Beate Merk das Projekt „Are you really so political ? – Are you really so apolitical ?“. 18 Tunesier, zum Großteil Studenten und in NGO’s aktiv, wurden eingeladen, an einem zehntägigen politischen Workshop in Landshut teilzunehmen, den Sixt mit Lehrern der Fremdsprachenschule, der BOS 1 und der Beruflichen Schule Schönbrunn bereits zum vierten Mal betreut.

Das Ziel der Projektwoche: Den Tunesiern das nötige sprachliche Handwerkszeug mitzugegeben, damit sie ihre politischen Ziele in der Heimat erreichen können. „Wir wollen ihnen beibringen, wie sie sich Gehör verschaffen, wie sie in einer Debatte Profit schlagen und ihre Ziele erreichen können“, sagt Sixt.

Ganz oben auf der Agenda stand deshalb ein Besuch der Bayerischen Staatskanzlei in München. Bei einem Austausch mit Michael Köller, Vertreter des Freistaats Bayern in der EU, wurden Fragen über Kooperationen zwischen Bayern, der EU und Tunesien beantwortet. Dabei wurden unter anderem Vorschläge gemacht, um die Zusammenarbeit zwischen bayerischen und tunesischen Hochschulen, vor allem mit denen im ärmeren Süden Tunesiens gelegenen, zu verbessern.

Weiterer Schwerpunkt war die Teilnahme an einem professionellen Debattierkurs mit Anna May (BS Schönbrunn) und Georg Wild (BOS I). Sie zeigten den Studenten in einem dreitägigen Workshop, wie eine politische Debatte geführt wird. Und das ist gar nicht so leicht: „Es gibt Diskussionen und Debatten. Diskussionen finden jedoch keine Lösungen. Eine Debatte jedoch schon. Sie haben stets eine Entscheidung als Folge“, sagt May.

Diskussionen führen Tunesier derzeit viele. Im Land herrscht eine hohe Jugendarbeitslosigkeit, Bildungschancen gibt es nicht für alle, Menschenrechte und Gleichheitsgrundsätze müssen gestärkt werden und die innere Sicherheit auf Vordermann gebracht werden: Im Debattier-Workshop bekamen sie die Aufgabe, Pro- und Contra-Argumente zum Thema „Videoüberwachung“ zu finden. Das Ergebnis präsentierten sie im Neuen Plenarsaal. Während zwei Teams dem kritischen Publikum noch einmal die Argumente vortrugen und versuchten, mit sprachlichen Mitteln die der Gegenpartei zu entkräften, mussten die anderen Teilnehmer nach der Debatte abstimmen: Das Ergebnis kann als Unentschieden, mit knappen Vorteilen pro Videoüberwachung gewertet werden.

FDP-Stadtrat und Schriftführer der FDP Landshut-Stadt Norbert Hoffmann, der die Gäste im Rathaus willkommen hieß und später verabschiedete, war von der harten aber fair geführten Debatte im Plenarsaal und dem Projekt sichtlich angetan: „Wir dürfen es nicht unterschätzen, was Sie alles dazu beitragen zum wichtigen und politischen Austausch unserer Länder und Kulturen.“ -is-

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Das Ergebnis des Debattier-Workshops: Stadtrat Norbert Hoffmann (rechts) und Projektleiter Claus Sixt (links) beglückwünschen die tunesischen Teilnehmer im Plenarsaal, die kurz zuvor fair debattiert hatten, ob eine Videoüberwachung in ihrem Heimatland sinnvoll ist.

(Quelle: Landshuter Zeitung vom 07.11.2016, Stadteil Landshut)